Führungs- und Leistungskultur verstehen und wirksame Führung leben
Wenn wir mit Führungskräften über ihre „Führungs- und Leistungskultur“ sprechen, sind einige hochinteressiert, andere „wiegeln ab“. Kaum ein Begriff ist so präsent und wird zugleich so gerne gemieden. Oft endet das Gespräch mit Alltagsweisheiten und Allgemeinplätzchen: Wertschätzend führen, Leistung ermöglichen, Menschen mitnehmen, ein forderndes Leistungsambiente schaffen usw.
Was das im Führungsalltag konkret bedeutet, bleibt hingegen offen.
Was wir unter Führungs- und Leistungskultur verstehen
Eine klar definierte Führungs- und Leistungskultur ist aus unserer Sicht kein Nice-to-have, sondern ein zentraler wirtschaftlicher Erfolgsfaktor. Sie entscheidet darüber, ob Organisationen ihre Ziele erreichen und notwendige Transformation umsetzen oder dauerhaft hinter ihren Möglichkeiten bleiben. Im Kern geht es darum, wie gut es Führungskräften gelingt, sozio-technische Systeme zu gestalten. Damit ist das Zusammenspiel von Menschen, Verhaltensweisen, Werten, Regeln, Prozessen, Strukturen und technischen Rahmenbedingungen gemeint, so dass das Gesamtpaket optimal zur aktuellen wirtschaftlichen Situation und den Herausforderungen des Unternehmens passt.
Leistungs- und anpassungsfähige sozio-technische Systeme entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis von Führung – oder eben auch von fehlender Führung. Vom Top Management bis zur Teamleiter- oder Meister-Ebene prägen Entscheidungen, Prioritäten und Haltungen die Leistungsfähigkeit und das Verhalten der Organisation. Führung bedeutet in diesem Verständnis vor allem eines: Das Führungs-System kontinuierlich zu gestalten, zu überprüfen und weiterzuentwickeln, anstatt es sich selbst zu überlassen.
Führungs- und Leistungskultur beantwortet damit vier praktische Fragen:
- Worauf wird Führungshandeln ausgerichtet?
- Welche Leistung wird erwartet und welche nicht? Was ist die neue Normalleistung?
- Wie viel Forderung ist legitim, wie viel Fürsorge notwendig?
- Und wie konsistent werden diese Erwartungen über alle Hierarchieebenen hinweg gelebt?
Um diese Fragen analytisch zu bearbeiten, nutzen wir ein einfaches Modell, das Führungs- und Leistungskultur unabhängig von Branche, Geschäftszweck oder aktueller Unternehmenssituation einordnen kann: Die Matrix der Führungs- und Leistungskultur.
Die Matrix der Führungs- und Leistungskultur
Die Matrix macht unterschiedliche Ausprägungen von Führungs- und Leistungskultur sichtbar, indem sie zwei grundlegende Dimensionen miteinander verknüpft.
Zum einen wird deutlich, welcher Schwerpunkt durch Führung gesetzt wird – ob Effizienz und Gewinn im Vordergrund stehen oder fachliche, expertenbezogene bzw. gemeinwohlorientierte Zielsetzungen.
Zum anderen zeigt die Matrix, mit welcher Haltung Führung gegenüber Mitarbeitenden erfolgt: eher fordernd oder eher fürsorglich.
Diese beiden Dimensionen spannen ein Koordinatensystem auf, in dem sich Führungs- und Leistungskulturen verorten lassen. Entscheidend ist dabei nicht die theoretische Idealposition, sondern die tatsächlich gelebte Führungspraxis und wie diese zu den strategischen Zielen und Vorhaben des Unternehmens passt.
Um diese Verortung vornehmen zu können, lohnt sich ein genauer Blick auf die beiden Achsen der Matrix.
Die horizontale Achse: Fokus der Führung
Die horizontale Achse beschreibt den Fokus, der durch Führung gesetzt wird. Sie macht sichtbar, ob sich Führung primär an Effizienz- und Gewinnzielen orientiert oder ob fachliche, expertenbezogene, gemeinwohlorientierte Ziele im Vordergrund stehen. Die Grundannahme dabei ist, dass Fokus und Fokussetzung den Unterschied machen, getreu dem bäuerlichen Sprichwort: „Der Blick des Bauern macht die Kühe fett“.
Die horizontale Achse beschreibt also, worauf Führung ihren Blick richtet. Sie sagt jedoch nichts darüber aus, wie dieser Fokus im Umgang mit den Mitarbeitenden wirksam wird. Denn identische Ziele können mit sehr unterschiedlichen Haltungen und Emotionalisierungsgraden verfolgt werden. Genau an dieser Stelle setzt die vertikale Achse der Matrix an.
Die vertikale Achse: Haltung der Führung
Die vertikale Achse beschreibt die Haltung von Führungskräften gegenüber ihren Mitarbeitenden. Sie spannt das Feld zwischen einem eher mitarbeiterorientierten oder menschenfreundlichen und einem eher zielorientierten Führungsstil auf und wie mit diesem Spannungsfeld auf gute Art und Weise umgegangen wird.
Am unteren, fürsorglichen Ende der Achse werden Mitarbeitende überwiegend in ihrer Komfortzone gelassen. Sie arbeiten mit einem entspannten Kompetenzüberschuss, Anforderungen der Führungskräfte werden vorsichtig formuliert, Überforderung soll vermieden werden. Führung ist hier stark auf Stabilität, Absicherung und Beziehungserhalt ausgerichtet. Die Menschlichkeit hat Vorrang vor der Produktivität bzw. Anpassung an Neues.
Am oberen, fordernden Ende der Achse werden Mitarbeitende bewusst aus ihrer Komfortzone herausgeführt. Führung fordert Leistung ein, konfrontiert mit neuen Anforderungen und nimmt temporäre Überforderung in Kauf – nicht aus Boshaftigkeit oder übertriebenem Ehrgeiz, sondern als Mittel zur Stimulation von Lernprozessen. Wir beobachten diesen Stil besonders in Phasen der Sanierung, der strategischen Neuausrichtung oder wenn ambitionierte Wachstumsziele verfolgt werden. Dann wird von den Fachkräften mehr als bisher verlangt, Widersprüche werden in die normalen Anforderungen integriert. Wie z.B. bei der Leiterin des Bereichs Bürgerservice in einer Stadtverwaltung: Sicherstellung der Kundenzufriedenheit bei gleichzeitigem Kosten- und Kapazitätsdruck bei leeren kommunalen Kassen, die zukünftig noch leerer werden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen die wirtschaftliche Situation sowie die Strategie der Verwaltung im Umgang damit in ihr Leistungsverhalten integrieren, was nicht einfach ist.
Erst im Zusammenspiel beider Achsen wird sichtbar, welche Führungs- und Leistungskultur ein Unternehmen lebt und wie die unterschiedlichen Führungsebenen sich verhalten. Der Fokus allein erklärt noch keine Wirkung, ebenso wenig wie die Haltung für sich genommen. Entscheidend ist ihre Kombination und die Synchronisation über die Führungsebenen.
Wirkung und Spannungsfelder der Führungs- und Leistungskultur
In unserer Erfahrung zeigen Organisationen, die sich im linken oberen Bereich der Matrix verorten lassen, häufig eine…
- höhere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit,
- größere organisationale Vitalität und
- klarere strategische Ausrichtung.
Effizienz- und Gewinnorientierung treffen dort auf eine fordernde Führung, die Leistung einfordert, Entwicklung fördert und ermöglicht sowie Verantwortung konsequent delegiert. Darüber hinaus gibt es kurze Abstimmungsschleifen und schnelle Entscheidungsprozesse. Die Kehrseite dieser Positionierung führt nicht selten zu überforderten Führungskräften, die sich mit dieser Kultur nicht identifizieren und eine zunehmende Verrohung der Sitten wahrnehmen.
Auch auf der Mitarbeiter Seite hat dieses Verhalten Schattenseiten. Werden Mitarbeitende nicht angemessen unterstützt, qualifiziert oder entlastet, kippt Forderung in Überforderung. Soziale und technische Systeme beginnen zu verschleißen: Menschen brennen aus, Prozesse verlieren an Stabilität, Infrastruktur wird fehleranfällig. Nachhaltige Führungs- und Leistungskultur bewegt sich daher immer im Spannungsfeld von Leistungsanspruch, Lern- und Anpassungsgeschwindigkeit sowie Regenerationsfähigkeit des Systems. Und dieses Spannungsfeld muss fortlaufend neu justiert und mit den Mitarbeitenden ausgehandelt werden. Eine Sanierungssituation stärkt diese Positionierung, Fachkräftemangel und ein Arbeitnehmer-Arbeitsmarkt schwächen sie.
Oft gibt es auch deutliche Unterschiede in der praktischen Umsetzung zwischen Bereichen und Hierarchieebenen eines Unternehmens (siehe Grafik). Während z.B. die Geschäftsführung sehr einheitlich wahrgenommen wird, gibt es bei den Bereichsleitern deutliche Unterschiede, ebenso wie beim mittleren Management. Während das Top Management bzgl. Effizienz- und Gewinnorientierung aufgrund von Markt- und Kostendruck sehr sortenrein wirtschaftlich und effizienzorientiert agiert und klar kommuniziert, handeln die Bereichsleiter und das mittlere Management fachnäher und fürsorglicher. Die Nähe zu den Mitarbeitenden, die Abhängigkeit von deren Leistungsbereitschaft sowie die eigene Fachbiografien prägen das Führungsverhalten.
Solche Unterschiede sind zunächst weder gut noch schlecht. Problematisch werden sie dort, wo sie zu widersprüchlichen Signalen führen, die an der Basis ankommen. Eine moderne Führungs- und Leistungskultur entfaltet ihre Wirkung nur dann, wenn sie sich durch das gesamte Unternehmen zieht und auf allen Ebenen einheitlich gelebt wird.
Genau hier liegt der besondere Wert der Matrix: Sie macht die Unterschiede sichtbar und schafft eine gemeinsame Basis, um die Führungs- und Leistungskultur gezielt zu verändern und mit den Mitarbeitenden neu auszuhandeln.
Eigene Führungs- und Leistungskultur einschätzen
Möchten Sie wissen, wo Sie selbst mit Ihrer Führungs- und Leistungskultur stehen und welche Wirkung Ihr Führungsverhalten tatsächlich entfaltet? Dann nutzen Sie unsere Matrix der Führungs- und Leistungskultur als strukturierte Standortbestimmung.
Sie steht Ihnen als PPT-Arbeitsvorlage zum Download zur Verfügung.
Die Einordnung in der Matrix ermöglicht es, die aktuelle Führungs- und Leistungskultur strukturiert zu erfassen, unabhängig von Branche, Funktion oder aktueller Business-Situation. Besonders wertvoll ist dabei der Abgleich zwischen dem gelebten IST-Zustand und der angestrebten SOLL-Position. Erst dieser Vergleich macht sichtbar, wo Führung heute wirkt und wo gezielte Veränderungen notwendig sind.
Aus dem Ergebnis lassen sich konkrete Ansatzpunkte ableiten für die Weiterentwicklung der eigenen Führung und für die strategische Ausrichtung des Bereichs oder Unternehmens.
Unterstützung für Führungskräfte in der Weiterentwicklung ihrer Führungskultur
Wir erleben häufig, dass Führungs- und Leistungskulturen nicht auf Knopfdruck verändert werden können. Sie sind tief verankert in Biografien, Routinen und organisationalen Selbstverständlichkeiten.
Genau hier liegt unsere Aufgabe als Beratergruppe PALATINA
Wir nutzen die Matrix der Führungs- und Leistungskultur nicht als Etikett, sondern als Arbeitsinstrument: Zur Einordnung, zur Ableitung konkreter Maßnahmen und zur gezielten Weiterentwicklung von Organisationen.
Haben Sie Fragen zum Thema oder wollen Sie Ihre Führungs- und Leistungskultur gezielt diagnostizieren und verändern, melden Sie sich bei mir.
Wir begleiten Sie gerne bei der Weiterentwicklung der Soft Facts Ihres Verantwortungsbereichs und der Verfeinerung Ihres Führungsstils – das erhöht Ihre Wirksamkeit und schafft mehr Zufriedenheit.