Führung braucht Rollenklarheit
Im Coaching erlebte Miriam Schnell (42), seit acht Monaten Head of Sales beim Softwarehaus Gräber (Namen geändert), ihren Aha-Moment. Die gelernte Vertrieblerin verstand plötzlich, warum seit ihrer Übernahme des Teams ihre verlässlichen Erfolgsrezepte nicht mehr griffen und was schief lief. Die Augen öffnete ihr ein innovatives Diagnose-Tool: das Cross-Roads Modell.
Die Beförderung
Seit über zehn Jahren stemmte Miriam als erfahrene Vertriebsfachkraft mit einem kollegialen Team alles von A bis Z bei den Kundenbeziehungen im Vertrieb. Sie war es, die neue Kollegen schulte und an die sich die Anderen wandten, wenn sie nicht mehr weiterwussten. Hakte es irgendwo oder gab es Einbrüche bei den Verkaufszahlen, zog auch der Chef gerne Miriam hinzu für die Fehlersuche. Fast alles wusste sie aus dem Gedächtnis: ihr praxisgeschultes Auge machte Schwachstellen in den Vertriebsvorgängen ausfindig, bevor sie sich fatal auswirkten. Da war es nur folgerichtig, dass der Chef ihr kurz vor seiner Verabschiedung auch offiziell die Leitung des Vertriebs übertrug.
Die ersten zwei Monate schwebte Miriam noch auf der Wolke der Euphorie. Die wohlverdiente Beförderung, nicht zu vergessen, die willkommene Gehaltserhöhung, der Wille, die vertrauten Kollegen in ihrem eigenen Stil zu führen, ließen sie freudig zur Arbeit fahren.
Der langsame Niedergang
Doch der neue Chef bestellte sie im Laufe des nächsten halben Jahrs in immer kürzeren Abständen zu sich und stieß sie mit der Nase auf Zahlen, die ihm nicht gefielen. Das neue Software-Release war ein Reinfall. Nach Monaten teurer Entwicklungszeit gingen viel zu wenig Kundenaufträge ein. Auch bei den anderen Produkten sanken die Verkaufszahlen. Ihre eigene Performance-Rate blieb weiterhin spitze – doch die ihrer Mitarbeitenden nahm beständig ab. Ein paar Mal bemerkte sie, dass einzelne Aufträge so lange unbeantwortet liegenblieben, bis der Kunde sein Interesse zurückzog. So etwas durfte eigentlich nicht passieren! Aber was lief schief?
Wie in früheren Krisen trommelte Miriam ihre Leute zusammen und horchte ins Team hinein, wo der Schuh drückte. Anders als früher erhielt sie jedoch eher verdruckste Auskünfte, manche wichen ihrem Blick aus oder behaupteten, alles sei prima. Doch die Mimik passte nicht dazu. Warum begegneten ihr die ehemaligen Kollegen, mit denen sie gewachsene Arbeitsfreundschaften, ja fast echte Freundschaften verband, so kühl und hielten mit ihrer Meinung hinterm Berg?
Nach wie vor war Miriam für sie da, wo immer es brannte, half bei Kundentelefonaten aus und setzte sich schon mal übers Wochenende hin, um ein liegengebliebenes Angebot fertig zu schreiben. Statt früher 40, arbeitete sie nun 50, oft 60 Stunden und fühlte sich am Montagmorgen so ausgelaugt wie am Freitagabend. Alle waren unzufrieden: Die Kollegen beendeten ihre Gespräche, wenn sie den Raum betrat. Der Chef hielt ihr Zahlen unter die Nase und forderte Erklärungen. Immer öfter verbrachte sie die Nacht wach und bekam am Morgen Kopfschmerzen. Miriam hatte das Gefühl, ihr geliebter Job entglitt ihr.
Plötzlicher Durchblick
Um Klarheit zu schaffen und die Beförderung zu keiner Fehlentscheidung seitens der HR zu machen, bot die Personalabteilung ihr ein Transition Coaching an. Zuerst fragte sie sich, ob sie hier richtig war, sie hatte doch gar kein wirkliches Problem. Sie wollte nur jemanden von außen auf ihre Lage blicken lassen, an der sie ja nichts ändern konnte. Schließlich erhielt sie von oben und unten nichts als Druck, aber keine klaren Botschaften.
Dann malte der Coach eine Zeichnung ans Flipchart: das Cross-Roads Modell. Miriam blinzelte: Da war ja genau von ihrer Situation die Rede!
Bittere Klarsicht
Von da an fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Dieses Modell nahm genau die Rollenwechsel unter die Lupe, die eine Person vollziehen muss, wenn sie von der Fach- zur Führungskraft wird. Während der Coach noch das Modell zeichnete und fragte, welche Rolle sie einzunehmen glaubte und welche sie tatsächlich spiele, wurde Miriam klar: Statt sich auf Führung zu konzentrieren, blieb sie in der fachlich-operativen Rolle stecken. Sie korrigierte Angebote, kontrollierte Statuslisten, kümmerte sich um Unstimmigkeiten in der Schnittstelle zur Technik. Für das Team war sie da – aber eher als Mitspielerin, denn als Führungskraft. Ihr Team wurde passiv. Je mehr sie versuchte, das im Griff zu behalten, desto weniger blieb von dem, was Führung eigentlich sein sollte – Richtung, Klarheit, Verbindlichkeit, Raum für Entwicklung. Es genügte eben nicht mehr, als Vertriebskraft mit klarem Blick auf das Machbare zu funktionieren. Es genügte nicht, dass mehrere Kollegen ihre Erfahrung schätzten und sie um Rat baten. Als Führungskraft musste Miriam einfach mehr sein als die stille Steuerzentrale.
Konkrete Anleitung
„Der Schritt in eine Führungsposition ist schnell vollzogen – auf dem Papier“, sagte der Coach und sah dabei Miriam vielsagend an. „Doch was danach kommt, ist weit weniger sichtbar, dafür umso entscheidender: ein innerer Rollenwechsel, der nicht mit dem neuen Titel beginnt, sondern mit einer veränderten Perspektive auf die eigene Aufgabe!“
Um das zu veranschaulichen, stellte er das Cross-Roads Modell vor. Damit wird die Rollen-Entwicklung einer Führungskraft dargestellt, mit ihren sich wandelnden Aufgaben, Verantwortungsschwerpunkten und den Anpassungen, die in diesem Zuge geleistet werden müssen. So lassen sich verschiedene Grundhaltungen bei Führungskräften in neuer Verantwortung festhalten. Für jede Situation werden entsprechende Lernschritte empfohlen.
Schlagartig findet sich Miriam im Level Expertentum wieder. Diese Führungskräfte sehen ihre Rolle darin, operative Arbeiten nach bestem Wissen zu erledigen. Selbst als Führungskraft arbeiten sie nach wie vor wie eine reine Fachkraft. Was sie nun neu erlernen müssten, ist, ihr Team anzuleiten. Das ist eine völlig andere Rolle, als selbst am besten zu performen. Als Head of Sales müsste Miriam sich selbst aktiv um das Rundlaufen aller Prozesse in ihrem Bereich kümmern und nicht nur um das Beheben von Schwachstellen. Ihr wird klar, dass der Chef Recht hatte: Wer, wenn nicht sie, muss verantworten, dass der Vertrieb wirtschaftlich arbeitet? Schließlich begreift sie auch, wie zentral ein wirtschaftlich arbeitender Vertrieb für die Firma ist: Ohne ihn kann noch so viel entwickelt und beworben werden – die Firma läuft nicht rund. Das heißt, Miriam muss unternehmerisch an ihre neue Aufgabe herangehen und sich in die Köpfe ihrer Vorgesetzten hineindenken.
Neues Auftreten
Das wirkt sich erheblich auf ihr gesamtes Auftreten vor dem Team im Alltag aus. Sie muss Team Management, Funktions Management und Business Management sowie unternehmerisches Denken in ihre Führungsrolle integrieren. Denn wenn sie ihren Bereich allein durch immer mehr eigene Leistung voranbringen will, statt das Team dazu in die Lage zu versetzen, wird sie über kurz oder lang ausbrennen. Zugleich versäumt sie dadurch ihre wirkliche Aufgabe, nämlich die Arbeit ihrer Mitarbeitenden am Unternehmensziel auszurichten. So viel Potenzialvergeudung wird ihr als Führungskraft irgendwann als Versagen angelastet.
Verflixter Übergang
Besonders beim ersten Führungsjob tun sich viele schwer mit diesem Perspektivwechsel. Dabei helfen folgende Änderungen des Mindsets:
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1. Neue Skills und Kompetenzen
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2. Neue Formen der Zeit- & Energieverteilung
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3. Anpassung der Wertvorstellungen
Diese Lernschritte können angehenden Führungskräften nicht genug ins Bewusstsein gehämmert werden, denn viele tun sich noch nach Jahren schwer damit. Diese erste Lernkurve ist die schwerste. Viele glauben, sie müssten mehr leisten, wenn sie führen. Dabei müssen sie vor allem loslassen lernen – das ist der mutigste Teil!