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Der Festkleber

Wenn der „Alte“ geht, aber doch irgendwie bleibt

Der Gründer verlässt den Konferenzraum und wirft einen langen Schatten zurück

In diesem Beitrag erfahren Sie, warum eine Unternehmensnachfolge trotz formal geregelter Übergabe ins Stocken geraten kann, wie der frühere Inhaber ungewollt die Autorität seines Nachfolgers schwächt und weshalb eine erfolgreiche Nachfolge nicht nur den Gründer und seinen Nachfolger, sondern die gesamte Organisation fordert. Lesedauer: ca. 8 Minuten


Symbolbild: KI-generiert

Wenn Loslassen nur auf dem Papier stattfindet

Es gibt Unternehmensgründer, die können loslassen. Und es gibt Unternehmensgründer, die sagen, sie hätten losgelassen. Das ist nicht dasselbe.

Sie haben einen Geschäftsführer eingesetzt, eine zweite Führungsebene aufgebaut, vielleicht sogar einen Beirat gegründet. Offiziell ist alles geregelt, Zuständigkeiten sind definiert und Verantwortung wurde übertragen. Und natürlich kommen sie nur noch selten ins Büro – ungefähr viermal pro Woche. Nicht, um sich einzumischen, versteht sich, sondern lediglich, um einmal zu hören, wie es läuft, einen Hinweis zu geben oder eine wichtige Entscheidung kurz einzuordnen. Rein unterstützend natürlich.

So beginnt er häufig: der Festkleber. Er klebt nicht unbedingt an seinem alten Schreibtisch, sondern am System. An Entscheidungen, Beziehungen, Kunden, alten Loyalitäten und an der tiefen Überzeugung, dass ohne ihn möglicherweise alles weitergeht, aber vermutlich nicht ganz richtig.

Formal wurde die Verantwortung übertragen, kulturell bleibt er jedoch die letzte Instanz. Genau dort beginnt das eigentliche Problem. Denn Unternehmen funktionieren bekanntlich nicht allein nach Organigrammen. Neben der offiziellen Organisation existiert immer auch ein soziales System mit gewachsenen Beziehungen, Einfluss, Macht und Loyalitäten. Und dieses soziale System hat oft ein erstaunlich langes Gedächtnis.

Alle wissen, wer wirklich entscheidet

Der neue Geschäftsführer präsentiert eine Strategie. Die Führungskräfte hören aufmerksam zu, diskutieren, stellen Fragen und nicken. Nach dem Meeting stellt sich trotzdem mancher die Frage: „Was sagt eigentlich der Alte dazu?“

Eine größere Investition soll beschlossen werden und jemand schlägt vor, den Gründer vorsichtshalber „noch kurz mitzunehmen“. Ein langjähriger Kunde ruft weiterhin direkt bei seinem alten Ansprechpartner an. Und ein Mitarbeiter, dem eine Entscheidung nicht gefällt, weiß genau, dass es neben seinem offiziellen Vorgesetzten noch eine zweite Tür gibt: die zum Gründer.

Auf diese Weise entsteht ein Unternehmen mit einer Art doppelter Verfassung. Auf dem Organigramm steht die neue Führung, im Hintergrund wirkt weiterhin die alte Macht.

Ein junger Mann im Anzug sitzt in seinem Büro, hinter ihm sieht man die Gestalt des Gründers. Symbolbild für das Vermächtnis und den Geist des Gründers.

Symbolbild, KI-generiert

Das muss nicht einmal bewusst geschehen. Schließlich haben Mitarbeitende und Kunden über Jahrzehnte gelernt, dass schwierige Fragen beim früheren Inhaber landen. Warum sollten sie einen bewährten Weg aufgeben, solange er weiterhin funktioniert?

Der neue Geschäftsführer wundert sich unterdessen, warum seine Entscheidungen nicht richtig greifen und seine Autorität begrenzt bleibt, obwohl er doch längst das Ruder übernommen hat.

Der Festkleber selbst hält sich dabei keineswegs für einen Blockierer. Im Gegenteil: Er erlebt sich als Bewahrer, Sparringspartner, Erfahrungsträger und im Ernstfall als letzte verlässliche Rettungsinstanz. Manchmal ist er all das tatsächlich. Genau deshalb ist die Situation so schwierig.

Wie aus gut gemeinter Unterstützung ein Drama entsteht

Das Ganze ähnelt einem Menschen, der schwimmen lernen soll, aber jedes Mal aus dem Wasser gezogen wird, sobald es unruhig wird. Der Retter kann anschließend völlig zu Recht sagen, dass sein Eingreifen notwendig war. Nur wird der andere auf diese Weise kaum lernen, mit schwierigen Situationen selbst fertigzuwerden.

Bei Unternehmensnachfolgen beobachten wir häufig einen ähnlichen Mechanismus.

Der Gründer möchte sein Lebenswerk schützen. Er hat das Unternehmen aufgebaut, durch Krisen geführt und erhebliche persönliche Risiken getragen. Wenn er eine Fehlentwicklung erkennt, erscheint es ihm geradezu fahrlässig, nicht einzugreifen.

Der Nachfolger wiederum soll möglichst schnell beweisen, dass er die neue Aufgabe beherrscht. Gleichzeitig werden ihm genau jene Situationen abgenommen, in denen er diesen Beweis erbringen könnte.
„Er ist noch nicht so weit“, lautet dann häufig die Begründung des Gründers. Vielleicht stimmt das sogar. Aber möglicherweise ist er deshalb noch nicht so weit, weil der Alte immer schon eingreift, bevor es wirklich ernst wird.

So entsteht eine widersprüchliche Erwartung: Der Nachfolger soll selbstständig führen, aber möglichst genauso wie sein Vorgänger. Er soll Verantwortung übernehmen, ohne dass der Gründer tatsächlich Kontrolle verliert.

Die Organisation verstärkt diesen Mechanismus häufig unbewusst. Mitarbeitende suchen bei Unsicherheiten weiterhin den vertrauten Weg zum Gründer. Der hilft bereitwillig und bestätigt damit seine alte Autorität. Der Nachfolger fühlt sich übergangen, versucht sich stärker durchzusetzen und stößt auf Widerstand. Das wiederum bestärkt den Gründer in seiner Sorge, der Neue sei der Aufgabe vielleicht doch noch nicht gewachsen.

Ein Teufelskreis, bei dem jeder aus seiner Perspektive nachvollziehbar handelt und trotzdem alle gemeinsam das Problem verschärfen.

Drei Subsysteme – drei Herausforderungen

1. Der Gründer: Wenn Loslassen zur Identitätsfrage wird

Verantwortung abzugeben ist das eine. Zuzusehen, wie der Nachfolger das eigene Lebenswerk nach seinen Vorstellungen weiterentwickelt, ist eine ganz andere Herausforderung.

Wer ein Unternehmen über zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre aufgebaut hat, hat nicht einfach nur einen Beruf ausgeübt. Das Unternehmen ist Teil der eigenen Biografie und häufig auch der eigenen Identität geworden.

Wenn diese Rolle kleiner wird, entsteht nicht automatisch eine neue. Wer bin ich noch, wenn ich nicht mehr bei jeder wichtigen Entscheidung gefragt werde? Wie viel Bedeutung habe ich, wenn andere das Unternehmen gestalten?

Viele Unternehmer wünschen sich deshalb eine Nachfolge, aber möglichst wenig Fremdheit. Sie wollen Entlastung, jedoch keinen vollständigen Kontrollverlust.

Eine echte Nachfolge verlangt jedoch, dass der Gründer eine neue Rolle entwickelt. Er kann weiterhin Gesellschafter, Beirat, Mentor oder Sparringspartner sein. Aber er muss akzeptieren, dass seine Erfahrung nicht automatisch das letzte Wort bedeutet.

Dabei braucht es klare Spielregeln: Wann ist sein Rat erwünscht? Wann darf oder muss er als Gesellschafter eingreifen? Und wann muss er eine Entscheidung aushalten, die er selbst anders getroffen hätte?

Das ist eine anspruchsvolle persönliche Entwicklungsaufgabe.

Aus dem Entscheider wird ein Sparringspartner, aus dem Retter ein Ermöglicher. Loslassen bedeutet dann nicht, bedeutungslos zu werden, sondern die eigene Wirksamkeit neu zu definieren.

2. Der Nachfolger: Die eigene Führungsrolle gestalten

Auch der Nachfolger steht vor einer schwierigen Aufgabe. Er muss sich in einem System behaupten, dessen Spielregeln, Beziehungen und Machtstrukturen lange vor seiner Zeit entstanden sind.

Solange der Neue die bewährten Vorgehensweisen fortführt, bleibt es meist ruhig. Anspruchsvoll wird es, wenn er eigene Akzente setzt, Prozesse verändert oder Entscheidungen anders trifft als sein Vorgänger.

Genau das muss irgendwann geschehen. Denn der Nachfolger übernimmt nicht das Unternehmen von gestern, sondern trägt Verantwortung für das Unternehmen von morgen. Dafür muss er seine eigene Führungsrolle entwickeln und einen unternehmerischen Fußabdruck hinterlassen.

Allerdings entsteht Autorität nicht allein durch die neue Position. Der Nachfolger muss Vertrauen aufbauen, die informellen Spielregeln verstehen und seine Führungsfähigkeit durch Entscheidungen und Ergebnisse beweisen. Gleichzeitig darf er sich nicht bei jeder Unsicherheit beim Gründer rückversichern. Wer ständig dessen Zustimmung sucht, bleibt dauerhaft in seinem Schatten.

Hilfreich sind deshalb ein klares Rollenverständnis, ein abgestimmter Businessplan und eindeutige Regeln für die Zusammenarbeit mit dem Gründer. Dabei gilt es, eigenständig zu führen, ohne das bisher Erreichte abzuwerten oder unnötige Machtkämpfe zu provozieren.

3. Die Organisation: Abschied von alten Loyalitäten nehmen

Das dritte Subsystem wird bei Nachfolgeprozessen besonders häufig unterschätzt: die Organisation selbst.

Mitarbeitende und Führungskräfte haben über viele Jahre gelernt, wie das Unternehmen funktioniert. Sie wissen, wen man fragen muss, wer tatsächlich Einfluss besitzt und welche ungeschriebenen Regeln gelten.

Diese Muster verschwinden nicht, nur weil ein neuer Geschäftsführer bestellt wurde. Manche Führungskräfte fühlen sich dem Gründer persönlich verpflichtet. Andere misstrauen dem neuen Führungsstil oder fürchten den Verlust bisheriger Privilegien. Wieder andere möchten schlicht, dass alles möglichst bleibt, wie es war.

Deshalb reicht es nicht, der Organisation die neue Geschäftsführung vorzustellen. Sie muss lernen, unter veränderten Bedingungen zu arbeiten und sich von bisherigen Gewohnheiten und Machtstrukturen zu lösen. Vor allem die zweite Führungsebene spielt dabei eine Schlüsselrolle. Sie muss den Wechsel nicht nur formal akzeptieren, sondern im täglichen Handeln mittragen.

Das bedeutet auch Abschied von vertrauten Sicherheiten. Veränderung erzeugt Verunsicherung und gelegentlich Widerstand. Deshalb braucht die Organisation Orientierung, nachvollziehbare Entscheidungen und Gelegenheit, die neue Zusammenarbeit einzuüben.

Die neue Autorität entsteht nicht durch ihre Ankündigung, sondern dadurch, dass die gesamte Organisation beginnt, sie im Alltag zu leben.

Nachfolge gelingt nur gemeinsam

Eine gelungene Nachfolge braucht mehr als einen kompetenten Nachfolger und einen Gründer, der zum Rückzug bereit ist. Sie erfordert einen gemeinsam gestalteten Veränderungsprozess, bei dem alle Beteiligten ihre bisherigen Rollen, Erwartungen und Verhaltensweisen hinterfragen.

Die PALATINA-Perspektive: Nicht nur den Neuen entwickeln

In unserer Coaching-Praxis erleben wir immer wieder eine interessante Konstellation: Bei uns landen meistens die Neuen. Der Alte oder die Organisation klopfen dagegen selten an.

Dabei liegt das Problem häufig gar nicht allein beim Nachfolger. Er soll schnell Ergebnisse liefern und sich gleichzeitig in einem System behaupten, das seine Führungsrolle möglicherweise noch gar nicht richtig akzeptiert hat.

Deshalb betrachten wir Nachfolgeprobleme nicht isoliert als persönliche Bewährungsprobe einer neuen Führungskraft. Wir schauen ebenso auf die betriebswirtschaftlichen Herausforderungen, gewachsenen Machtstrukturen und psychologischen Mechanismen im Unternehmen.

Eine gelungene Nachfolge zeigt sich schließlich nicht daran, dass der Gründer möglichst schnell verschwindet. Sondern daran, dass das Unternehmen auch ohne sein Eingreifen handlungsfähig bleibt.

Vielleicht ist genau das der größte Dienst, den ein Gründer seinem Lebenswerk erweisen kann: nicht unersetzlich zu bleiben, sondern sich selbst entbehrlich zu machen.

Steckt Ihre Unternehmensnachfolge zwischen Übergabe und Loslassen fest?

Wenn Verantwortung formal übertragen wurde, Entscheidungen aber weiterhin zum früheren Inhaber zurückwandern, lohnt sich ein Blick auf das gesamte System. Wir begleiten Unternehmen beim Übergang vom inhabergeführten zum managementgeführten Unternehmen und unterstützen die Beteiligten dabei, ihre neuen Rollen zu finden.


Lassen Sie uns Ihre Situation gemeinsam einordnen.

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