Die Schattenkinder der Organisation

In diesem Beitrag erfahren Sie, warum strategisch wichtige Sonderaufgaben für Leistungsträger schnell zum Risiko werden können, woran HR sogenannte Special Mission Leader erkennt und wie sich verhindern lässt, dass aus einer großen Chance eine „Mission Impossible“ wird. Lesedauer: ca. 8 Minuten
Strategisch wichtig – und trotzdem kaum sichtbar
In fast jedem größeren Unternehmen gibt es Menschen, die im Organigramm ziemlich unspektakulär aussehen und trotzdem Aufgaben übernehmen, von deren Gelingen für das Unternehmen sehr viel abhängt. Da ist zum Beispiel ein versierter KI-Anwender, der zusätzlich die Einführung von KI im Unternehmen koordinieren soll, eine Controllerin, die neben ihrer eigentlichen Funktion ein bereichsübergreifendes Kostensenkungsprogramm steuern muss, ein Produktionsspezialist, der ein wichtiges Transformationsprojekt treiben soll, oder ein bewährter Vertriebsleiter, der seine Erfolgsstrategie nun auch auf andere Kollegen übertragen soll. Und das alles „mal nebenbei“.
Diese Menschen haben unterschiedliche Jobtitel, sitzen meisten auf den unteren Ebenen und tauchen in völlig unterschiedlichen Bereichen auf. Eines verbindet sie jedoch: Sie haben irgendwann eine Zusatzaufgabe bekommen, die sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit zunächst als Anerkennung und Vertrauensbeweis erlebt haben. Was auf den ersten Blick wie eine Auszeichnung aussieht, ist allerdings manchmal der Beginn einer ziemlich großen Herausforderung, die bei näherem Hinsehen durchaus „Mission Impossible“-Charakter hat.
Wir treffen in den letzten Jahren immer häufiger auf genau diese Gruppe: Menschen, die zusätzlich zu ihrer Fach- oder Führungsaufgabe eine zeitlich begrenzte, strategisch bedeutsame Sonderaufgabe übernehmen und plötzlich in einem Arbeitskontext landen, mit dem sie nicht gerechnet hatten und auf den sie auch nicht vorbereitet sind.
Denn die Zusatzaufgabe verlangt häufig, ohne formale Macht Einfluss zu nehmen, sich über Bereiche und Hierarchien hinweg abzustimmen, unterschiedliche Interessen zusammenzuführen und mit erheblichen Widerständen umzugehen. Mitunter kommen sogar persönliche Anfeindungen aus der Organisation hinzu.
Den hohen Erwartungen stehen jedoch meist nur begrenzte Mittel gegenüber: Zeit, Budget, Personal, Entscheidungsrechte und ein belastbares Mandat fehlen oder reichen nicht aus.
Diese Diskrepanz zwischen großer strategischer Bedeutung und kleiner Ausstattung wird in vielen Unternehmen erstaunlich lange nicht erkannt – weder von den Betroffenen selbst noch vom Auftraggeber und schon gar nicht von HR oder Personalentwicklung.
Wir nennen diese Menschen Special Mission Leader.
Special Mission Leader – die Schattenkinder
Special Mission Leader sind für uns die „Schattenkinder der Organisation“. Sie sind da, sie leisten wichtige Arbeit und ihre Mission kann für den wirtschaftlichen und strategischen Erfolg des Unternehmens ausgesprochen relevant sein – und trotzdem tauchen sie auf den üblichen Radarschirmen kaum auf.
Das liegt vor allem daran, dass ihre Beauftragung häufig vollkommen unspektakulär verläuft. Eine Geschäftsführung, ein Bereichsleiter oder ein anderer Entscheider braucht jemanden, der ein strategisch wichtiges Thema übernimmt, und greift verständlicherweise auf einen Menschen zurück, der sich bereits bewährt hat: fachlich gut, loyal, belastbar, engagiert und im Unternehmen anerkannt.
Auf der Visitenkarte steht anschließend weiterhin derselbe Titel, im Organigramm bleibt die Person am selben Platz und im HR-System entsteht kein neuer Vorgang, obwohl sich ihre tatsächliche Arbeitssituation teilweise fundamental verändert hat. Während ein klassischer Führungswechsel normalerweise sichtbar ist und zumindest die Chance besteht, dass HR oder Personalentwicklung unterstützend eingreifen, entsteht die strategische Zusatzaufgabe häufig irgendwo zwischen Geschäftsführung, Führungskraft und Leistungsträger – und bleibt auch dort.
Das führt zu einer bemerkenswerten Konstellation: Der Auftraggeber denkt, dass er seine wichtige Mission einem seiner besten Leute anvertraut hat, der Betroffene empfindet die Auswahl als Anerkennung und möchte selbstverständlich beweisen, dass das Vertrauen gerechtfertigt ist, während HR im schlimmsten Fall überhaupt nichts davon weiß.
Damit entsteht eine brisante Konstellation, deren Risiken von allen Beteiligten erstaunlich leicht unterschätzt werden.
Warum aus der Zusatzaufgabe eine „Mission Impossible“ werden kann
Nicht jede Sonderaufgabe wird automatisch zur „Mission Impossible“. Entscheidend ist, ob ihre strategische Bedeutung und die damit verbundenen Erwartungen zu den tatsächlichen Handlungsmöglichkeiten des Verantwortlichen passen.
Wir bringen diese Konstellation auf eine einfache Formel:
Große strategische Bedeutung + kleine Ausstattung = Mission Impossible.
Zu Beginn bleibt dieses Missverhältnis häufig unbemerkt. Schließlich wurde die Aufgabe einem leistungsfähigen und engagierten Menschen übertragen, der zunächst vieles durch persönlichen Einsatz auffängt. Sichtbar wird das Problem meist erst dann, wenn Entscheidungen über Bereichsgrenzen hinweg getroffen, Ressourcen verbindlich zugesagt, Widerstände überwunden oder Konflikte eskaliert werden müssen.
Spätestens dann zeigt sich: Der Special Mission Leader trägt zwar die Verantwortung für das Ergebnis, verfügt aber nicht automatisch über die notwendigen Möglichkeiten, dieses Ergebnis auch herzustellen. Genau aus diesem Widerspruch entstehen vier Risiken, die lange unentdeckt bleiben können.
Vier Risiken, die lange unentdeckt bleiben
Bei der Analyse solcher Sondermissionen stoßen wir immer wieder auf vier Engpässe, die sich zunächst relativ harmlos anhören, sich im Verlauf der Mission aber gegenseitig verstärken können.
Strategische Zusatzaufträge werden häufig in wenigen Sätzen formuliert: „Bringen Sie KI bei uns voran“, „Übertragen Sie das Konzept auf die anderen Standorte“ oder „Sorgen Sie dafür, dass die Transformation endlich Fahrt aufnimmt“. Die Richtung scheint klar, aber welches konkrete Ergebnis erwartet wird, was ausdrücklich zur Mission gehört und was nicht, welche Prioritäten gelten und anhand welcher Kriterien später Erfolg oder Misserfolg bewertet werden, bleibt oftmals offen. Ein engagierter Leistungsträger reagiert darauf normalerweise nicht mit Stillstand, sondern mit Aktivität. Er schmiedet einen Plan, startet Initiativen, spricht mit Beteiligten, sammelt Themen und versucht, unterschiedliche Erwartungen gleichzeitig zu erfüllen. Genau damit steigt jedoch die Gefahr des Verzettelns: viel Aktivität, hoher persönlicher Einsatz – aber zu wenig Orientierung und Wirkung.
Ein Auftrag ist eben noch kein Mandat. Wer eine strategische Sonderaufgabe übernimmt, braucht nicht nur die Aufforderung „Kümmern Sie sich darum“, sondern auch ausreichende Legitimation, klare Entscheidungsrechte und einen Sponsor, der sich im Konfliktfall kraftvoll hinter die Mission stellt. Wie belastbar dieses Mandat tatsächlich ist, zeigt sich meistens erst beim ersten Ressourcenkonflikt. Der Special Mission Leader benötigt beispielsweise einen guten Mitarbeiter aus einem anderen Bereich, dessen Vorgesetzter jedoch eigene Ziele verfolgt und diesen Mitarbeiter nicht freigeben möchte. Der Auftrag bleibt bestehen, der Verantwortliche soll weiterhin liefern – nur die Entscheidungsmacht fehlt. Fehlt diese Absicherung dauerhaft, beginnt das Abmühen: Der Betroffene bittet, argumentiert, verhandelt, führt noch ein Gespräch und versucht immer wieder, andere für seine Mission zu gewinnen. Aus hoher Verantwortung bei geringer Handlungsmacht wird dann sehr schnell Ohnmacht.
Viele Special Mission Leader haben vor ihrer Ernennung noch nie eine vergleichbare Aufgabe gemanagt. Sie kennen das fachliche Thema gut und genau deshalb wurde ihnen die Mission übertragen, haben aber häufig keine klare Vorstellung davon, wie man eine solche Sonderaufgabe eigentlich systematisch aufsetzt und führt. Plötzlich müssen Stakeholder analysiert, Ressourcen organisiert, Interessen integriert, Widerstände überwunden, Entscheidungen vorbereitet, Fortschritte messbar gemacht und Konflikte ausgehalten werden. Gleichzeitig erwartet das Umfeld schnelle Ergebnisse. Fachliche Kompetenz bleibt wichtig, reicht dafür aber nicht aus. Der Betroffene muss seine Mission managen und Menschen dafür gewinnen. Genau deshalb sprechen wir nicht von Special Mission Experts, sondern von Special Mission Leadern.
Die vierte Gefahr halten wir für besonders tückisch, denn gerade die Menschen, denen solche Missionen übertragen werden, sind normalerweise ausgesprochen leistungsbereit und loyal. Sie wollen ihren Auftraggeber nicht enttäuschen, fühlen sich ihrem Unternehmen verbunden und haben über Jahre gelernt, dass sich schwierige Probleme mit Engagement, Beharrlichkeit und persönlichem Einsatz lösen lassen. Fehlt Zeit, arbeiten sie länger. Fehlt Unterstützung, übernehmen sie selbst. Funktioniert die Abstimmung nicht, führen sie eben noch ein Gespräch. Damit kompensieren sie die Schwächen ihrer Mission zunächst durch persönliche Leistung.
Stellen Sie sich einen Motor vor, der permanent mit zu wenig Öl läuft. Wenn er robust gebaut ist und gute Notlaufeigenschaften besitzt, funktioniert er erstaunlich lange. Gerade deshalb bemerkt möglicherweise niemand das eigentliche Problem, bis der Verschleiß sichtbar wird.
Bei leistungsstarken Menschen ist es ähnlich.
Ihre Leistungsfähigkeit kann über längere Zeit verdecken, dass die Mission schlecht aufgesetzt ist.
Der blinde Fleck für HR
Genau an dieser Stelle wird das Thema für HR und Personalentwicklung interessant. Denn Special Mission Leader lassen sich kaum über klassische Talent Management Instrumente identifizieren. Sie tauchen nicht automatisch auf einem Potentialradar auf, sie bekommen nicht zwingend einen neuen Jobtitel und ihre Zusatzaufgabe löst häufig keinen klassischen Personalentwicklungsprozess aus.
Wer diese Menschen finden möchte, muss deshalb anders suchen.
Nicht nur nach Positionen, sondern nach Sonderaufgaben. Wer übernimmt aktuell zusätzlich zu seiner eigentlichen Funktion ein strategisch relevantes Thema? Wer muss dabei mehrere Bereiche bewegen, ohne über ausreichende formale Macht zu verfügen? Wer trägt Verantwortung für ein wichtiges Ergebnis, obwohl Zeit, Ressourcen oder Entscheidungsrechte nur begrenzt vorhanden sind? Und bei wem wird dieses Missverhältnis möglicherweise gerade noch durch außergewöhnlichen persönlichen Einsatz verdeckt?
Wenn Ihnen bei diesen Fragen spontan zwei oder drei Namen einfallen, dann haben Sie wahrscheinlich genau die Menschen gefunden, über die wir sprechen:
Ihre Special Mission Leader.
Für HR ist diese Erkenntnis in zweifacher Hinsicht relevant. Einerseits kann eine schlecht vorbereitete Sondermission ausgerechnet einen besonders wertvollen Leistungsträger verschleißen und gleichzeitig ein wirtschaftlich oder strategisch bedeutsames Vorhaben gefährden. Andererseits steckt in diesen Missionen enormes Entwicklungspotenzial, weil Menschen dort unter Echtbedingungen Verantwortung übernehmen, unterschiedliche Interessen integrieren, Widerstände bewältigen und wichtige Unternehmensziele umsetzen können.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob wir guten Leuten schwierige Aufgaben zumuten sollten. Natürlich sollten wir das. Die entscheidende Frage ist, wie wir verhindern, dass daraus eine Mission Impossible wird.
Unsere Antwort: Special Mission Leadership
Wir, die Beratergruppe PALATINA, haben uns in den vergangenen Monaten intensiv mit genau dieser Managementkonstellation beschäftigt und daraus einen eigenen Ansatz entwickelt: Special Mission Leadership.
Dabei gehen wir bewusst weiter als klassische Angebote zu lateraler Führung, fachlicher Führung, Einfluss-, Konflikt- oder Projektmanagement.
Denn bei einer strategisch bedeutsamen Sondermission reicht es nicht aus, lediglich zu lernen, wie man Menschen ohne Weisungsbefugnis besser überzeugt und Projekte gut führt.
Wir schauen zusätzlich auf die neue Rolle und deren Passung zur bisherigen Rolle, wir schauen auf den Kontext und die notwendige Kontextanpassung und wir beachten den Transformationsprozess, der parallel initiiert und gesteuert werden muss.
Während Psychologen gerne auf den Menschen, seine Kompetenzen und seine Wirkung schauen, schauen wir bei Special Mission Leadership auf die Mission und den Menschen. Wir kombinieren diese Perspektiven in einer radikal outputorientierten und praktischen Weise: Sind Auftrag und Zielsetzung klar? Ist das Mandat belastbar? Sind Entscheidungsrechte und Ressourcen geklärt? Gibt es einen Sponsor, der im Krisen- und Konfliktfall tatsächlich unterstützt? Welche Routinen und Eskalationsstrategien sind dazu vereinbart? Wie wird das Ganze kontrolliert und geführt? Entsteht in der Organisation die gewünschte strategische Wirkung und wie wird nachbesteuert, wenn sie nicht eintritt? Welche Themen müssten an anderer Stelle geregelt werden? In welchen Bereichen muss die Führungs- und Leistungskultur angepasst werden usw.
Genau an dieser Stelle setzt unser Ansatz Special Mission Leadership an.
In den kommenden Monaten werden wir das Thema und unseren Ansatz noch mehr konkretisieren. Wir werden anhand von Echt-Beispielen zeigen, wie solche Sondermissionen in der Praxis aussehen, wo sie aus dem Ruder laufen, an welchen Stellen die Verantwortlichen typischerweise in Schwierigkeiten geraten und wie sich die Risiken frühzeitig absichern lassen.
Bis dahin lohnt sich vielleicht schon eine kleine Bestandsaufnahme in Ihrer eigenen Organisation: Haben Sie gerade einen Leistungsträger gefördert – oder ihn auf eine „Mission Impossible“ geschickt?

Sie möchten herausfinden, welche Leistungsträger strategisch wichtige Sonderaufgaben übernehmen und ob Auftrag, Mandat und Ausstattung tatsächlich zusammenpassen? Dann sprechen Sie mit uns. In einem unverbindlichen Erstgespräch schauen wir gemeinsam auf Ihre konkrete Situation und klären, wie Sie Ihre Special Mission Leader und deren Vorhaben wirksam absichern können.
Dr. Franz Metz
f.metz@bg-palatina.de
Tel: 07272 / 91 608